Menu

Buchrezension: Praxishandbuch BPMN 2.0 von Jakob Freund und Bernd Rücker

Praxisbuch BPMN Rezension
In meinen Beratungsprojekten für kleinere und mittlere Betriebe aus dem Handwerk und dem Mittelstand in Bayreuth und in Oberfranken geht es immer wieder darum, erfolgskritische Prozesse zu dokumentieren (weil sie nur implizit bei einem oder nur ganz wenigen Mitarbeitern vorhanden sind, weil eine Zertifizierung ansteht, Risikomanagement systematisiert werden soll etc.). Sie sollen ferner einer kritischen Überprüfung hinsichtlich Effizienz (die Dinge richtig tun) unterzogen werden.

Aus meiner beruflichen Praxis in der Industrie habe ich bereits umfangreiches Geschäfts-Prozessmanagement Methodenwissen wie auch praktische Modellierungskenntnisse in Großprojekten als Hintergrund, allerdings in erster Linie mit ARIS und den zugehörigen Produkten der Software AG (vormals IDS-Scheer).

Ich war also sehr gespannt, was das in vielen Bewertungen hoch gelobte Buch zu bieten hat und welcher Mehrwert für meine Kunden daraus gewonnen werden kann.

Zum Inhalt des Buches BPMN 2.0:

Das Buch richtet sich ganz eindeutig an Leser mit Business Process Management (BPM) Vorkenntnissen, absolute Neulinge werden die Kost, die geboten wird, nur schwer verdauen. Die allgemeinen Vorteile, warum man Prozessmanagement im Unternehmen anwenden sollte, welchen erheblichen Mehrwert man daraus ziehen kann etc. wird im ersten Kapitel lediglich angerissen und von den Autoren im Endeffekt als bestehend vorausgesetzt.

Es geht also nicht mehr darum, ob man Prozeßmanagement betreibt, sondern das Buch möchte eine Methode vorstellen, wie man Business-Process-Management (BPM) mit einem Modellierungsstandard (eben der BPMN 2.0) betreiben kann. Der Fokus des Buches ist nur, und damit meine ich auch nur, auf die (syntaktisch wie semantisch) korrekte Modellierung von Prozessen mittels BPMN.

Dieser Anspruch geht aber in eine ziemliche Tiefe bis an den Rand der vollständigen Prozessautomation. Aber dazu später. Gut gelungen fand ich den camunda-BPM Kreislauf als Meta-Modell für ein erfolgreiches BPM. Gerade Leser, die sich bisher nur mit der reinen Modellierung beschäftigt haben und sich nun weiterentwickeln möchten, dürfte das Meta-Modell eine gute Hilfe sein. Dies gilt auch für das vorgestellte Methodenframework, das sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht.

Im zweiten Kapitel wird die Notation mit vielen Praxisbeispielen sehr gut erklärt und ausführlich dargestellt. Den Autoren gelingt es, die Fallsticke der Praxis, die jedem Modellierer und Prozessanalysten irgendwann kalt erwischen, an scheinbar trivialen Beispielen sehr gut darzustellen. Dafür ein großes Lob, dies wurde sehr gut umgesetzt. Ernüchterung trat bei mir auf Seite 20 ein, als ich im Buch lesen musste, daß die BPMN 2.0 Prozesslandschaften, Aufbauorganisation, Daten, Strategie, Geschäftsregeln und IT-Landschaft NICHT abbilden kann.

Na Prost Mahlzeit, soll ich überhaupt noch weiterlesen? Als alter ARIS-Hase und mit gewohnter Kollaboration von Personalabteilung mit den Organigrammen, EDV-Abteilung mit der IT-Bebauung und den Fachabteilungen in den eEPK’s war ich geschockt. An dieser Stelle hätten die Autoren einen Hinweis auf Möglichkeiten und entsprechende Beispiele z.B. in einem Anhangkapitel geben können, wenn man den Fokus auf die reine BPMN nicht aufgeben will. Man findet leider nur ganz allgemein den Satz „Aber da die BPMN eben ein Standard ist, entstehen gerade sehr gute Softwarewerkzeuge, die alle notwendigen weiteren Sichten (Funktionen, Daten etc.) abdecken und in der Prozessdarstellung auf BPMN bauen.“ [Quelle: Seite 20 des Buches unten]

Dies ist mir definitiv zu wenig! Am Ende des Kapitels 2 gibt es eine Darstellung, wie andere Notationen (z.B. die erwähnte EPK oder der ibo-Folgeplan) in BPMN überführt werden kann. Diese Darstellung stellt den notwendigen Aufwand meines Erachtens wesentlich zu einfach, ja geradezu nett und unproblematisch dar. Ich bin mir sicher, daß es in der Praxis an dieser Stelle zu erheblichem Frust kommen kann. Ein konkretes Beispiel: Auf Seite 110 wir eine EPK exemplarisch in ein BPMN Modell überführt, die Org-Einheit wird einfach zur Lane. Aber was passiert mit den hinterlegten Attributen bzw. den verknüpften sonstigen Informationsobjekten? Gerade bei Organisationseinheiten sind Standorte, Rollen, Stellenbeschreibungen, Vorgesetzte und vieles mehr hinterlegt. Oft existiert sogar ein automatischer Export aus HR-Systemen. Diese Fragen bleiben leider offen.

Im dritten Kapitel des Buches Praxishandbuch BPMN 2.0 von Jakob Freund und Bernd Rücker wird die Modellierung der strategischen Prozessmodelle (Ebene 1 des Methodenframeworks) vorgestellt. Am Beispiel der Personalbeschaffung (Recruiting) wird gezeigt, was in strategischen Prozessmodellen dargestellt werden sollte und was nicht. Es schließt sich eine einfache Prozessanalyse an, die ebenfalls sehr eingängig dargestellt wird. Leider ist das sehr spannende Kapitel mit 25 Seiten sehr kurz geraten, es liegt den Autoren offensichtlich nicht der Fokus auf den Ebene 1 Prozessen.

Aber sind wir doch mal ganz ehrlich, wie viele Unternehmen kommen von Null, also gar keiner BPM-Methodik über den Top-Down-Ansatz zuerst zu Ebene 1? Und wie viele Geschäftsführer fragen dann mit großen Augen „das machen wir auch?“ Hab ich leider zu oft erlebt. Gerade hier hätte ich die Verdichtung von Prozessen zu Landkarten, Implementierung eines einfachen Risikomanagements etc. als sehr hilfreich empfunden. Offen blieb bei mir auch die Frage, wie ich eine Vielzahl von Ebene 1 Prozessen ordentlich dargestellt bekomme, womit man wieder unweigerlich beim Tooling landet.

Ab dem vierten Kapitel des Buches Praxishandbuch BPMN 2.0 von Jakob Freund und Bernd Rücker in die operative Ebene des Methodemframeworks.

In dieser Ebene werden die Prozesse soweit detailliert, daß alle drei Anspruchsgruppen (Prozess-Participant, Prozess-Analyst und Prozess Engineer genannt) des Prozesses damit arbeiten können. Der Prozess-Participant stellt die Frage „wie muß ich arbeiten“, der Analyst „wie wird gearbeitet“ und der Engineer „was macht die Prozess-Engine“. Um diese Fragen beantworten ist eine ausreichende Detailtiefe notwendig, die man sich mit dem Buch sehr gut erarbeiten kann. Es wird sehr gut dargestellt, wie man aus der Ebene 1 über verschiedene Zwischenschritte zu einem vernünftigen Prozessmodell der operativen Ebene gelangt, das vorbereitet ist für eine weitere technische Umsetzung im Rahmen der Prozessautomation. Hier leistet das Buch wirklich sehr gute Dienste!

Gut gelungen fand ich auch die Darstellung, wie man Geschäftsregeln aus den Prozessen extrahiert und sauber in Entscheidungstabellen überführt. Diese werden wiederum als Dokumente an die Prozesse „angedockt“.

Das fünfte Kapitel des Buches Praxishandbuch BPMN 2.0 von Jakob Freund und Bernd Rücker taucht nun sehr tief in die Ebenen der Prozessautomatisierung und damit eigentlich in die Methoden der Softwareentwicklung ab. Leser, die sich „einen Überblick über BPMN 2.0 verschaffen wollen“ oder Leser, die keine Grundkenntnisse in moderner Softwareentwicklung haben, werden mit diesem Kapitel überfordert sein.

Trotz ordentlicher Wirtschaftsinformatikkenntnisse hatte ich an dem Kapitel ordentlich zu beißen. Mit einem Umfang von 65 Seiten nimmt das Kapitel einen bedeutenden Teil des Buches ein. Letztlich geht es in diesem Kapitel um die Überführung der Modelle in ausführbaren Code. Gut gelungen sind die vielen Praxisbeispiele, wie man sinnvollerweise bestimmte IT-Systeme ansprechen kann (Code-Schnipsel!). Wer jedoch nicht den Auftrag hat, eine neue EDV-Applikation auf Grundlage eines Prozessmodells zu entwickeln, wird mit dem Kapitel nicht allzu viel anzufangen wissen. Ich persönlich sehe das Kapitel als Nachschlagewerk bei bestimmten praktischen Problemstellungen und weniger als Kapitel, das man „eben so durchliest“.

Das sechste Kapitel (Umfang 10 Seiten) des Buches Praxishandbuch BPMN 2.0 von Jakob Freund und Bernd Rücker gibt nochmal sehr wertvolle Praxistipps und Internetadressen zur Vertiefung und Vernetzung mit anderen „Leidensgenossen“. Schön wären etwas mehr Literaturangaben zur Methode an sich gewesen, um auch Anfängern den Einstieg ins Prozessmanagement zu erleichtern.

Fazit zum Praxishandbuch BPMN 2.0:

Ein lesenswertes Buch für alle, die sich bereits mit Prozessmanagement auseinandergesetzt haben. Für Einsteiger und „Überblick-Verschaffer“ kann ich das Buch nur bedingt empfehlen, weil viel Raum für sehr tiefgründige Details verwendet wird, die sich dem Einsteiger kaum erschließen. Für alle, die bereits umfangreiche Praxiserfahrung in der Modellierung haben, eine echte Empfehlung, da nicht nur an der Oberfläche der BPMN 2.0 gekratzt wird sondern bis in die IT-Umsetzung im Sinne einer Prozessautomatisierung mittels Process-Engine nachgehalten wird. Eine sehr nette Beilage fand ich das BPMN-Poster. Ich würde in der Gesamtschau dem Buch eine Bewertung mit 4 von 5 Sternen geben.

Wenn Sie Unterstützung bei der Modellierung oder der Verbesserung/Optimierung Ihrer Geschäftsprozesse in Ihrem Handwerksbetrieb benötigen, nehmen Sie mit mir Kontakt auf! Das Erstgespräch ist naturlich kostenlos!

Es grüßt aus Bayreuth,
Axel Schröder